Reise an betroffene Orte des Supergaus von Tschernobyl

Auch der Abschlussabend in Paritschi bleibt den deutschen Gästen vom Tschernobylkinder-Hilfeverein unvergesslich.Foto: Hubert Pfennig

Fünf Mitglieder vom Tschernobylkinder-Hilfeverein Großkmehlen sind 30 Jahre nach dem Unglück im Atomkraftwerk Tschernobyl (Ukraine) nach Weißrussland gereist. Ihr Ziel: damals und bis heute besonders betroffene Gemeinden. Der Verein mit Sitz in Großkmehlen unterstützt dort Familien und organisiert Ferienaufenthalte in der Lausitz mit medizinischer Betreuung.

Ein kurzer Aufenthalt in der Landeshauptstadt Minsk ist natürlich Pflicht gewesen. Großartige Veränderungen haben die Lausitzer gesehen: die moderne Infrastruktur, die wunderschöne, gelungene Architektur, die Integration neu errichteter Wohngebäude, Theater und Museen in ältere, sanierte Bausubstanz. Und: Minsk ist eine grüne, äußerst saubere Stadt.

Man kann zur Diktatur in Belarus stehen, wie man will, die heute Verantwortung Tragenden haben sich hinsichtlich der Kirchen, der Glaubensausübung, wesentlich verändert. Was vor 20 Jahren noch unvorstellbar war: Heute ist man viel liberaler im Umgang mit Gläubigen. Die Kirchen, gleich welcher Konfession, erstrahlen in neuem Glanz.

Begleitet von der Minskerin Soja Petrowna Jurowa sind die Lausitzer weiter nach Neglubka gereist. Auf dem Weg haben sie das Gymnasium in der Kreisstadt Schlobin besucht. An einem Sonntag. Die Lehrerinnen waren sehr erfreut. Der Russisch-Club der Grundschule "Am Schloss" Großkmehlen hatte Briefe an die Schüler mitgegeben. Freundschaften sollen geknüpft werden.

In Neglubka gab es ein Treffen mit den Kindern, die im vorigen Jahr bei uns waren. Und die neue Reisegruppe nach Deutschland, die der Tschernobylkinder-Hilfeverein im Juni erwartet, haben die Lausitzer auch schon kennen- gelernt. Die Schulgeschichte hat Nastja Jaschnik (21), eine von sechs ehemaligen Gastkindern bei uns, in deutscher Sprache erzählt. Auch ein herzliches Wiedersehen mit Lehrerinnen, die bereits Gäste beim Tschernobylkinder-Hilfeverein waren, gab es.

Das kleine Dorf Neglubka, selbst mit nur noch etwa 700 Einwohnern (früher mehr als 2000), liegt mehr als 350 Kilometer von Minsk entfernt nahe der russischen Grenze.

Noch immer fährt man vorbei an vielen Schildern mit dem Atomzeichen, die vor der Nutzung von Feld und Wald warnen. Nur, es hält sich kaum jemand daran. Zu wichtig sind die Felder für die landwirtschaftliche Nutzung und Eigenversorgung der Menschen, die nicht im Magazin einkaufen können, weil ihnen das Geld fehlt. In den Magazinen selbst sieht es inzwischen wie bei uns aus. Sauber, übersichtlich, attraktiv werden die Waren angeboten. Nur: Kaum oder nur wenige Käufer sind zu sehen.

Die Preise sind mit unseren vergleichbar. Die Höhe der Einkünfte und Renten der Menschen allerdings, bei hoher Arbeitslosigkeit auf dem Land, betragen etwa nur ein Zehntel vom durchschnittlichen Einkommen bei in Deutschland.

Manche fragten sich hier, wieso die Deutschen bis in den entlegensten Winkel Weißrusslands reisen und sich der Probleme, die dort bestehen, annehmen. Wir übernehmen als Botschafter unseres Landes eine Rolle, die die große Politik schlichtweg vergisst oder ausblendet.

Auch auf dem Weg nach Paritschi machten wir Station in der Kreisstadt Vetka (Region Gomel). Wir trafen dort ehemalige Ferienkinder, inzwischen erwachsen. In Vetka besichtigten wir eine neu gebaute Kirche, die bei der letzten Gastelternreise vor fünf Jahren noch nicht fertig war. Vor der Kirche steht eine Glocke, die immer zum 26. April, dem Tag des Supergaus von Tschernobyl, geschlagen wird. Sie mahnt die Menschheit vor der Gefahr der Nutzung der Atomenergie und erinnert zugleich an die Folgen.

In Paritschi war der Empfang wieder überaus herzlich. Pawel und Jelena Aniskovetz, die auch für die Einladung zu dieser Reise durch den von ihnen geleiteten gemeinnützigen Verein "Den Kindern von Polesje" verantwortlich zeichneten, hatten auch hier alles bestens vorbereitet. Am Abend trafen wir uns bei einer Familie mit allen ehemaligen Kindern aus Paritschi, die im Jahr 2015 bei uns waren. Was für ein freudiges Wiedersehen! Die Kinder schwärmen noch heute von den Sommerferien-Erlebnissen in unserer Region.

Der Besuch der Denkmalstätte "Rotes Ufer", eines Kinder-Konzentrationslagers, hat uns innerlich sehr aufgewühlt und fassungslos gemach; selbst drei Generationen nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Anlage wurde erst 2008 errichtet und ist in drei Ebenen gestaltet worden – für jedes Jahr des bestehenden Lagers eine Stufe. Es existierte von 1941 bis 1944, bis zur Befreiung durch Partisanen. Im Mittelpunkt steht "Das weiße Klassenzimmer" mit einem Blick auf eine große Schultafel. Dort liest man einen durch Zufall in einem Kamin gefundenen, nicht verbrannten Brief. Er wurde von einem 15-jährigen Mädchen am 13. März 1943 an den Vater geschrieben. Da war der hier Berichtende gerade einmal 15 Tage auf der Welt.

Der Inhalt berichtet von unvorstellbaren Grausamkeiten der Deutschen. Das Mädchen hatte nur noch einen Wunsch: hier, in der Heimat, sterben zu dürfen und nicht nach Deutschland deportiert zu werden. Allein in Belarus hatten die Deutschen fünf Kinder-Konzentrationslager betrieben – mit dem einzigen Zweck, Blutreserven zu erlangen.

Die Acht- bis 14-Jährigen wurden ausgeblutet, bis sie starben. Für verwundete deutsche Offiziere und Soldaten war das Blut bestimmt.

Diese internationale Gedenkstätte, die einzige ihrer Art in ganz Europa, wurde inzwischen von weit mehr als 1,5 Millionen Menschen aus fast allen Ländern des Kontinents besucht.

Die Erlebnisse und besonderen Eindrücke und die herzlichen Begegnungen geben dem Tschernobylkinder-Hilfeverein neue Kraft und Motivation, weiter zu helfen.

(Der Reisebericht wurde gekürzt.)

 

*Hubert Pfennig aus Arnsdorf ist stellvertretender Vorsitzender des Tschernobykinder-Hilfevereins Großkmehlen

Zum Thema:
Unermüdliche Helfer aus dem Ortrander Raum bieten Kindern aus der strahlenverseuchten Region um Tschernobyl in jedem Sommer einen vierwöchigen Gesundheits- und Ferienaufenthalt. Die Kroppener Pfarrleute Fritz und Renate Kolata hatten die Aktion 1991 begründet. Nachdem es Probleme mit der Trägerschaft gibt, übernahm die Schule Großkmehlen im Jahr 2002 die Hilfsaktion in Eigenregie. Später wurde der Tschernobylkinder-Hilfeverein gegründet.Kontakte: Telefon 035755 375 oder 035752 2198

Reise an betroffene Orte des Supergaus von Tschernobyl

Sprechstunde im Kirchgemeindehaus Frauendorf im Sommer 2014. Hausärztin Dr. Brigitte Saffert untersucht Kinder aus der Region um Tschernobyl, die hier zum Ferienaufenthalt weilen.Foto: Rasche/str1